Wir verbringen einen großen Teil unseres Tages in geschlossenen Gebäuden: in der Wohnung, am Arbeitsplatz, in der Uni oder Schule. Laut Fraunhofer Institut für Bauphysik sind es in der industrialisierten Gesellschaft 90% der Lebenszeit. Damit wir trotzdem gesund bleiben und der Umwelt nicht schaden, sind nachhaltiges Bauen und Wohnen zwei grundlegende Aspekte. Wie das genau aussieht und wo noch Bedarf besteht, das klären wir diesen Monat.

Was bedeutet nachhaltiges Bauen und Wohnen genau?

Wenn wir mal mit dem Bauen anfangen, heißt das z.B., dass die Baumaterialen sinnvoll ausgewählt werden. Sie sollten technischen Ansprüchen genügen und ökologisch sein. Es gilt also zu überlegen, welche Folgen die Entnahme der Materialien aus der Natur auf die Natur haben und was die Nutzung bewirkt.

Der Architekt Wolfgang Frey aus Freiburg ist Experte für nachhaltiges Bauen und kritisiert, dass Gebäuden gerne ein Öko-Look verpasst wird, mit grünem Anstrich und ein bisschen Holz, aber das ist gerne auch mal eine Vortäuschung ökologischer Werte. Echte Nachhaltigkeit sei auf Dauer aber besser und wirtschaftlicher – im Sinne von „langfristig wertbildend und erhaltend“. Kurzum: was die Natur hergibt, funktioniert auch bei Wind und Wetter, egal ob Holz oder Stein.

Aber so ein einfaches Holzhaus funktioniert mitten in der Stadt nicht, es gibt ja auch Bauvorschriften und DIN-Normen. Wie lässt sich das vereinen?

Es ist ein ganzheitliches Umdenken gefordert. Nachhaltiges Bauen betrifft zwar auch einzelne Gebäude – und die müssen dafür nicht rein aus Holz sein und am Waldrand stehen. Es geht auch um Wohnkomplexe, Siedlungen, Stadtplanung einschließlich Verkehr und Barrierefreiheit. Ein Architekt muss intelligente Raum- und Nutzungszusammenhänge planen. Dafür müssen einige Standards und Gesetze ggf auch den aktuellen Begebenheiten angepasst werden. Nur mit nachhaltigen Gebäuden und Lebensräumen lässt es sich auch nachhaltig wohnen.

Wie definiert sich nachhaltiges Wohnen?

Zum einen betrifft es das Thema Ressourcen. Ein Bewohner nutzt Energie – für Heizung, Kühlung, Belüftung, Licht und Strom. Um also ressourcenschonend wohnen zu können, muss natürlich entsprechend geplant und gebaut werden. Zweitens betrifft es das Wohlgefühl: ein Bewohner soll ein möglichst angenehmes Innenraumklima haben, weil das unsere mentale und physische Leistungsfähigkeit beeinflusst. Nachhaltig Wohnen ist also mehr als eine standardisierte gesetzliche Quadratmeterzahl pro Person, eine Funktionalität oder Kostenplanung sondern Bedürfniserfüllung und Wohlfühlen. Dafür sind Plätze der Begegnung wichtig, Freiflächen, Begrünung und auch integratives Wohnen mit mehreren Generationen.

Das Fraunhofer beschäftigt sich seit Jahren mit den Wechselwirkungen physikalischer, physiologischer und psychologischer Variablen in Innenräumen. Das Projekt „Menschen in Räumen“ zeigt, wie wichtig das Zusammenspiel aller Aspekte ist und dass es unsere Gesundheit positiv beeinflussen kann. Dazu zählt u.a. genug Tageslicht zu bekommen – auch in einem Gebäude, Wege für Erledigungen zu Fuß zu ermöglichen und ein doppeldeutig gutes Klima zu schaffen.

Das klingt toll. Aber wie sieht es denn in Realität aus?

Eines der Hauptprobleme ist laut Fraunhofer Institut für Bauphysik Feuchtigkeit. Die bringt Schimmelbildung und andere damit verbundene Schäden am Gebäude. In den letzten Jahren waren im Schnitt 16% der europäischen Bevölkerung betroffen – das sind 80 Millionen Menschen. Das Risiko dabei zu erkranken ist doppelt so hoch wie unter „guten“ Bedingungen. Um Feuchtigkeit zu vermeiden, ist der gezielte Luftaustausch wichtig – also Belüftungsmöglichkeiten. Vor allem in Großraumbüros und Klassenräumen ein Thema. Und zum Thema Materialien sieht die Realität so aus, dass immerhin langsam was passiert, Nachhaltigkeit zunehmend wichtig ist – aber die anfangs teils höheren Kosten oft abschrecken.

Wo soll es denn hingehen? Wie sieht unsere nachhaltige Zukunft aus?

Das zeigen drei Gebäude, die Anfang Dezember in Düsseldorf mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis für Bauen geehrt werden: In Hamburg wurde ein altes denkmalgeschütztes Verlagshaus umgebaut – unter Berücksichtigung ökologischer Nachhaltigkeitsaspekte. So wurden z.B. Kalziumsilikatplatten als Innendämmung genutzt. Was es damit auf sich hat und welche Materialen noch als nachhaltig gelten, schauen wir uns diesen Monat genauer an. Dann wird das „Futurium“ in Berlin geehrt –  das ist ein Ausstellungscenter in Berlin und das nachhaltigste Bundesgebäude derzeit – hier wird Regenwasser in einer Zisterne gesammelt und für die adiabatische Kühlung sowie für die Bewässerung der Außenanlagen verwendet und überschüssige Energie in einem Medium aus Paraffin zwischengespeichert. Und das Freiburger Rathaus wird ebenfalls ausgezeichnet. Die Fassade besteht aus Lärchenholz aus lokalem Waldbestand und die Energieautarkie ist vorbildlich. Es gibt aber zum Beispiel aus nachhaltige Häuser aus alten Materialien und Müll: PET- und Glasflaschen. Auch sowas schauen wir uns mal genauer an.

Das Thema Belüftung, Energieautarkie und Co schauen wir uns Ende des Monats auch nochmal genauer an. Mit Prof. Ingo Groß als Studiogast und Caro Köhler in der Sendung.