Morgen, am 24. April 2018, jährt sich der verheerende Einsturz der Rana Plaza Textilfabrik in Bangladesch mit 1.100 Todesopfern und 2.500 Verletzten zum fünften Mal. 2014 hat das Entwicklungsministerium das Textilbündnis gegründet und so einen Wandel zu mehr Nachhaltigkeit in der globalen Textilproduktion angestoßen. Und dennoch gibt es in der Modebranche immer wieder Skandale, Irreführungen und Gesetzeslücken, die schwarzen Schafen den Weg ebnen.

Fashion Revolution 2018

Ein Blick hinter die Kulissen

Wenn man durch die Stadt bummelt kommen uns immer öfter Klamotten und Kampagnen im Schaufenster entgegen, die Nachhaltigkeit versprechen, egal ob in Sachen Materialien oder Produktionsbedingungen. Modemarken geben Nachhaltigkeitsberichte raus und schmücken sich mit grünen Zielen. Gleichzeitig gibt es ständig neue Kollektionen, neue Farben, neue Werbung, die uns weiß macht, dass wir was Neues brauchen. Es wird überproduziert, weil es billig ist. Und dann kommt plötzlich raus, dass Hersteller und Konzerne jedes Jahr tonnenweise unverkaufte Kleidung verbrennen. Wie passt das zusammen? Was ist wahr, was ist wirklich nachhaltig und wo muss noch optimiert werden?

Fashion Revolution 2018

Stoff zum Streiten

Wenn man genauer hinguckt, dann findet man auf jeden Fall reichlich Stoff, über den man sich streiten kann. Viele Konsumenten kaufen im Geschäft oder online vor allem bei großen bekannten Ketten ein. Das ist günstiger und immer passend zur Saison. Und diese Ketten wissen, dass es auch gut ankommt, wenn man ein grünes Image hat. So heißt es im April erschienenen Nachhaltigkeitsbericht von H&M:

„Die H&M Gruppe setzt ihr starkes Engagement beim Thema Recycling und Wiederverwertung weiter fort. Im Jahr 2016 wurden 16.000 Tonnen Textilien gesammelt.“

Die Rede ist von „sammeln“, von Recycling sagt H&M in diesem Bericht nichts Transparentes. Dazu kommt ein Skandal, der letztes Jahr groß in den Medien war: dass H&M und andere Modeketten jedes Jahr viele Tonnen Kleidung verbrennen. Das ist alles andere als nachhaltig und im besagten Bericht natürlich kein Thema. Kerstin Brodde von Greenpeace sagt, dass Realität und Image auseinander klaffen:

„H&M lobt sich dafür, dass 35% ihrer Mode aus nachhaltigen Quellen stammt oder recycelt ist, aber wenn man genauer hinguckt, ist der Anteil nur bei 0,5 Prozent und sogar noch gesunken. Die rechnen alles Mögliche rein und für den Kunden ist es kaum zu durchschauen.

Blumige Formulierungen und „grüne Namen“ für aktuelle Kollektionen – und schon scheint eine Marke grüner, als sie wirklich ist. Die Stiftung „Romero“ aus Münster bewertet den Bericht als „hohl“ und schreiben, dass die „selbstgefälligen Aussagen von H&M Versprechen und Versagen verschleiern“.

Rechtliche Konsequenz? Fehlanzeige.

Rechtliche Schritte werden nicht eingeleitet. Es gibt kaum einheitliche Regelungen und Gesetze. Häufig gibt es aber Online-Petitionen, wie zum Beispiel #GoTransparent – initiiert von der Clean Clothes Campaign und Human Rights Watch. Der Appell lautete „mehr Transparenz in der Bekleidungsindustrie“, konkret bei den Marken Primark, Urban Outfitters, Forever21 und Walmart. Über 70.000 Menschen haben mitgemacht und Primark hat als Reaktion nun seine Zuliefererstruktur auf der Homepage offengelegt: da sieht man, dass über 1000 Fabriken aus 31 Ländern mitwirken, u.a. Bangladesch, Tansania und Pakistan. Aber unter welchen Bedingungen und mit welchen Auswirkungen für Mensch und Umwelt, das steht dort nicht.

Prominente Negativ-Beispiel

Dazu kommt das Problem, dass Promis und bekannte Designer als Vorbilder dienen und mit den Ketten kooperieren, Kollektionen unter ihrem Namen rausbringen, aber oft selbst mit schlechtem Beispiel vorangehen. Versace, Roberto Cavalli, Karl Lagerfeld haben vor längerem Modelinien bei H&M heraus gebracht. Erst kürzlich sorgte die „Stilikone“ Karl Lagerfeld aber wieder für einen Aufreger: er hat das Grundstück des Pariser Grand Palais in einen Wald umwandeln lassen und dafür neun bemooste Eichen fällen und aufstellen lassen. Weitere Bäume wurden als Sitzbänke zweckentfremdet. Chanel hat sich wohl verpflichtet, 100 neue Eichen im Herzen des gleichen Waldes zu pflanzen. Die Modewelt hat ihn gefeiert. Umweltschützer und Aktivisten sind empört, auch weil Pelze und Lederkleidung gezeigt wurden. Aber Nachwuchs-Designer ticken häufig schon „grüner“, zum Studium gehört Nachhaltigkeit mittlerweile ganz klar dazu.

Die Film-Branche

Wenn wir in der Show-Welt bleiben, gibt es noch etwas, was wir kaum auf dem Schirm haben: die Film- und Fernsehbranche. Wir konsumieren gerne Kino, TV und Theater. Aber auch in den Bereichen sind viele Abläufe sehr unnachhaltig. Ich habe mich mit Grete Kellermann getroffen. Sie ist Kostümbildnerin und Stylistin aus Köln und genervt von der Schnell-Schnell- und Wegwerf-Mentalität in vielen Bereichen:

„Das liegt an den Produktionsabläufen, dass alles schnell gehen muss, dann wird viel billig gekauft. Man könnte Kostümbild viel grüner gestalten, wenn man mehr Zeit hätte.“

Dazu kommen Plastik-Trinkbecher am Set und Catering-Service in Aluschalen. Mit ihrem Projekt „Der schöne Tag“ möchte sie ihre Auftraggeber und ihre Kunden gerne darauf stoßen, dass es auch anders geht. Dazu baut sie sich gerade ein Netzwerk zu Unternehmen und Labels auf, um z.B. deren Musterkollektionen zu nutzen, die eh nicht verkauft werden. Sie möchte Secondhand-Läden besser vernetzen und bewirken, dass man Dinge öfter nutzt, repariert, tauscht, leiht.

Und wenn man die Sachen irgendwann satt ist oder sie ein Loch haben, gilt es zu tauschen oder zu reparieren. Die Outdoor-Branche ist da oft schon einen Schritt voraus, hier kann man sich Equipment und Klamotten zum Teil leihen und flicken lassen. Guter Ansatz, aber auch hier sind die größten Probleme der Einsatz von Chemikalien und die Überproduktion unter schlechten Bedingungen. Aber Jürgen Janssen vom Deutschen Textilbündnis sieht auch hier Ideen für Lösungen:

„Die Weltbevölkerung wächst, da müssen neue Lösungen her: Ersatz für Chemikalien und Farben und zum Beispiel der Natur nachempfundene Fasern für Stoffe.“

Laut Textilbündnis sollen noch im laufenden Jahr 2018 insgesamt 160 giftige Chemikalien durch die Bündnis-Mitglieder aus der Produktion verbannt werden. Ab 2019 werden Abwasserstandards für die Mitglieder verpflichtend. Denn weltweit gehen 20 Prozent der Wasserverschmutzung durch industrielle Abflüsse auf das Färben von Textilien zurück. Und die Mitglieder haben sich verbindlich festgelegt, bis 2020 den Anteil nachhaltiger Baumwolle auf 35 Prozent zu steigern und bis 2025 auf 70 Prozent.

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Was der Kunde tun kann

Einfach in den Laden neben H&M zu gehen reicht als Lösung oft nicht aus. Viele Modeketten stecken unter einer „Decke“: Cos gehört zu H&M, Miu Miu zu Prada, Zara, Pull & Bear, Bershka, Stradivarius und Massimo Dutti zu Inditex, dem größten Modekonzern der Welt. Pro Jahr kommen hier laut Analysen der Credit Suisse rund 36.000 neue Designs auf den Markt. Die Läden werden 2-6 Mal pro Woche neu beliefert und die Idee vom Kleidungsstück bis es im Regal liegt dauert gerade mal 2-6 Wochen. Fast Fashion in höchstem Ausmaß.Die Alternative wäre, Mode von kleineren Marken kaufen, die fair und nachhaltig sind. Solche Läden arbeiten meist auch „ganzheitlicher“ nachhaltig, machen ihre Produktionsketten transparent, haben Kleidung mit Nachhaltigkeitssiegeln und bieten z.B. Reparaturen für kaputte Kleidungsstücke an. Gut ist natürlich, wenn so ein Laden um die Ecke liegt und man direkt im Geschäft einkaufen kann – am besten auch ohne große Einzelverpackung und Einkaufstüte an der Kasse, sagt Gerd Müller-Thomkins vom Deutschen Mode Institut:

„Es gibt an allen Ecken und Enden Optimierungsbedarf. Wenn Sie ein T-Shirt nachhaltig erwerben und mitnehmen wollen, sollte die Verpackung recycelfähig sein oder ganz wegfallen.“

Sprich: man kann auch auf Papier- und Plastik-Einkaufstüten verzichten und die Sachen in die eigene Tasche packen. Und auch im Online-Shopping könnte man Tüten und Verpackungen einsparen, so dass Mode Institut.

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Online-Shopping und Probleme

Es müsste zum Beispiel nicht jedes T-Shirt, das ich online bestelle, einzeln in Plastik eingeschweißt sein. Und: es muss auch nicht immer ein neuer Versand-Pappkarton sein. Hier drängen immer mehr alternative, wiederverwertbare Verpackungsideen auf den Markt. Ein finnisches Start Up hat z.B. wiederverwertbare Versandtaschen eingeführt. Die gebe ich an zentraler Stelle wieder ab, dort werden sie gereinigt, zurück in den Kreislauf gebracht und mehrfach benutzt. Im deutschen Markt gibt es dieses Konzept bisher nur vereinzelt, aber es tut sich was. Ob es sich auch durchsetzt, wird sich zeigen.

Events

Wer sich gegen Fast Fashion einsetzen möchte, kann kommendes Wochenende in Berlin mitmachen beim Flash Mob von Fashion Revolution (Samstag 28.4.) in Berlin. Und Kölner sind herzlich eingeladen an der Radtour für faire Mode mitzumachen. Der Green Blogger-Stammtisch Köln lädt zu einer Fair-Fashion-Radtour ein und fährt Läden an, die Secondhand-Kleidung verleihen, verkaufen oder neue Fair Fashion anbieten. Unter dem Hashtag #FashRevCologne2018 soll die Vielfalt der Alternativen zu Fast Fashion gezeigt werden. Start ist ebenfalls am Samstag, 28.4., um 12 Uhr am Sozialkaufhaus BfO, Silcher Straße 11 in Köln-Bickendorf.

 

WDR5 Leonardo

Hier der WDR-Radiobeitrag zum Thema:

Und am Freitag ziehen wir Bilanz und sprechen mit der Verbraucherzentrale NRW über Nachhaltigkeitssiegel in der Textilbranche.