Rund um das Jahr 2050 werden auf der Welt etwa neun Milliarden Menschen leben – zwei Drittel davon dann wahrscheinlich in Großstädten. Es ist also immer mehr Nahrung nötig, während die Ackerflächen schrumpfen. Schaut man sich Ballungszentren wie das Ruhrgebiet oder den Großraum Köln an, dann wird schnell klar: Der Biobauer im Vorort mit ein paar Hektar Land kann die Nachfrage gar nicht bedienen. Also müssen wir Lebensmittel im großen Stil außerhalb der Städte anbauen oder aus anderen Ländern importieren. Das verbraucht Fläche, Ressourcen und verursacht viel CO2. Deswegen suchen Forscher nach Möglichkeiten, Nahrungsmittel in der Stadt anzubauen. Ein Lösungsansatz: Indoor Farming, um Nahrung direkt in den Städten anzubauen.

Erdbeeren in der Wüste

Es geht um den Anbau von Obst und Gemüse in Gebäuden und in die Höhe. Dafür eignen sich zum Beispiel Dächer oder leerstehende Bürogebäude und Fabriken. Indoor Farming in der Stadt bedeutet kurze Transportwege zum Kunden. Erste Farmen gibt es zum Beispiel schon in den USA, China, Korea, ein paar auch in Europa und vor allem gibt es sie in Japan. Das vielleicht kurioseste Projekt war das eines japanischen Elektrokonzerns in Dubai: Der hat dort eine Indoor-Farm für Erdbeeren gebaut.

Beim Indoor Farming ist es also möglich, Pflanzen an Orten anzubauen, an denen sie unter normalen Bedingungen niemals wachsen würden. Im Prinzip braucht man nur ein Gebäude mit Hochregalen, in dem optimale künstliche Bedingungen geschaffen werden. Also zum Beispiel die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit, in denen sich die angebauten Pflanzen am wohlsten fühlen. Der Salat oder die Kräuter wachsen in den Regalen dann nicht in Erde, sondern in einer Nährstofflösung, die mit Hilfe von Sensoren ständig optimiert wird.

Designer-Salat dank LED-Licht

Weil Pflanzen Licht zum Wachsen brauchen und in Indoor Farmen keine Sonne scheint, werden die Pflanzen mit speziellen LEDs angestrahlt. Pflanzen mögen besonders die Lichtwellenlängen Blau und Rot. Forscher testen, welche Lichtzusammensetzungen am besten funktionieren. Denn: das Licht kann nicht nur das Wachstum beeinflussen, sondern auch die Inhaltsstoffe und den Geschmack der Pflanzen. Das heißt, es ist beim Indoor Farming möglich, Pflanzen zu züchten, die mehr Vitamine enthalten oder zum Beispiel süßer, schärfer oder auch weniger intensiv schmecken.

Indoor Farming Vertical Farming Hydroponik Hydroponic
By Bright Agrotech (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Frankensteins Salatbar

Es gibt Diskussionen darüber, ob der Mensch so in das Wachstum von Pflanzen eingreifen darf und ob Verbraucher etwas essen wollen, das weder Kontakt zu natürlicher Erde noch zu natürlichem Sonnenlicht hatte. In Deutschland haben Forscher und Firmen deswegen einen Verband für Vertical Farming in Leben gerufen um aufzuklären. In Japan zum Beispiel boomt der Indoor Farming Trend seit der Atomkatastrophe in Fukushima. Die Menschen dort sagen sich: Lieber ein etwas teurerer Salat aus einem abgeschlossenen Biosystem als möglicherweise verstrahltes Gemüse vom Feld.

Immenser Stromverbrauch

Das Indoor Farming hat mehrere Vorteile – es spart Platz, da es in die Höhe geht. Es spart auch Wasser, denn wenn die Pflanzen es nicht aufnehmen, wird es wieder in den Kreislauf eingebracht. Und weil keine Schädlinge von außen eindringen, sind keine Pflanzenschutzmittel nötig. Man kann ganzjährig ernten und hat keine Ernteausfälle durch extremes Wetter. Damit wäre Indoor Farming vor allem für Regionen mit schwierigen klimatischen Bedingungen interessant. Aber genau da kommen wir zum Problem: Bisher ist es sehr teuer, Gemüse in Indoor-Farmen zu züchten. Das heißt, dass gerade die Weltregionen und die Menschen, die die Technologie am dringendsten brauchen würden, sich die Lebensmittel nicht leisten können. Hinzu kommt, dass die Energiebilanz im Moment noch nicht gut ist. Sonne scheint kostenlos. LEDs sind zwar in den letzten Jahren effizienter geworden, trotzdem ist Indoor Farming durch die Nutzung von künstlichem Licht aktuell noch sehr energieintensiv.

Erste Pilotprojekte in NRW

Ein Indoor Farming Projekt gibt es zum Beispiel in Oberhausen. Bis Ende des Jahres entsteht dort ein neues Jobcenter. Das soll nicht nur Büros beherbergen, sondern auch ein Gewächshaus auf dem Dach. Hier könnten Salate, Kräuter oder Beeren wachsen. Hierfür soll Regenwasser aufbereitet werden und die Wärme und die Abluft wie Kohlendioxid aus dem Gebäude können für das Gewächshaus genutzt werden.

Indoor Farmig fürs Zuhause

Inzwischen ist mehr möglich, als das halbvertrocknete Basilikum auf dem Fensterbrett. Seit ein paar Jahren gibt es zum Beispiel den AeroGarden für zu Hause – das Gerät nutzt eine von der NASA entwickelte Technik. Wie bei den großen Indoor Farmen wachsen auch hier die Pflanzen unter Kunstlicht und in Wasser – damit kann man dann im Wohnzimmer Cherry-Tomaten oder Salat züchten. Auch IKEA ist auf den Trend aufgesprungen und hat zusammen mit der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften Hydrokultur-Sets entwickelt. Und das Innovationszentrum des Unternehmens hat als Open Source eine Bauanleitung für einen kleinen vertikalen Garten aus Holz zum Selberbauen entwickelt. Nicht ganz einfach zu realisieren, wenn man gerade keinen Lasercutter zum Holzzuschnitt hat – aber zumindest eine Idee, um uns alle an die Idee des Nahrungsmittel-Anbaus in der Großstadt heranzuführen.

IKEAs „The Growroom“
By RhinoMind (Own work) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons