Plastikmüll vermeiden – das war mein großes Ziel im Februar. Nach vier Wochen muss ich mir eingestehen: So richtig gut bekomme ich das nicht hin. Zero Waste braucht Übung und ich bleibe dran. Aber selbst wenn ich mich bemühe, fällt weiter Müll an. Deswegen wollte ich wissen: Was passiert eigentlich mit meinem Joghurtbecher, wenn ich ihn in die gelbe Tonne werfe?

Plastikmüll Recycling Duales System Grüner Punkt Wiederverwertung Nachhaltigkeit

Der Inhalt der gelben Tonnen oder Säcke wird von verschiedenen Firmen abgeholt – in meinem Fall in Köln ist die AWB zuständig. Sie arbeitet im Auftrag des Grünen Punkts – einem der Betrieber im dualen System. Davon gibt es in Deutschland 10 Stück, wo bei der Grüne Punkt der bekanntest und mit einem Marktanteil von gut 33 Prozent auch der größte.

Am Ende zahlt der Verbraucher

Jedes Unternehmen, das Verpackungen verwendet, muss an einen dieser Anbieter im dualen System Geld zahlen – je nachdem was er für Verpackungsmaterialien verwendet und wie viel davon. Die, die das Plastik verursachen, sollen auch dafür zahlen, dass es recycelt oder entsorgt wird. Eigentlich – denn die Hersteller legen die Kosten für die Verträge mit dem Dualen System auf ihre Produkte um. Heißt im Klartext: Wir zahlen an der Kasse im Supermarkt auch indirekt dafür, dass die Verpackung entsorgt, beziehungsweise recycelt wird.

Was entsorgt und was recycelt wird, entscheidet eine Sortieranlage. Ich war in einer der größten Anlagen in NRW bei der Firma Lobbe in Iserlohn. Hier werden die verschiedenen Sorten Plastikmüll getrennt. Mein Joghurtbecher ist zum Beispiel aus Polypropylen, dickere Waschmittelflaschen sind aus hartem Polyethylen. Ganz bekannt ist PET – die Getränkeflaschen. Dann gibt’s auch noch Konserven und Verbundstoffe – das sind zum Beispiel Getränkekartons.

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In einer riesigen Trommel wird der Müll vorsortiert

Erstmal reißt eine Maschine die gelben Säcke auf. Dann läuft der Müll mehr als einen Kilometer auf Laufbändern durch die Anlage. Da geht’s zuerst in eine riesige, drehende Trommel – wie so ein drehendes Fass auf dem Jahrmarkt, durch das man durch laufen kann. Nur in der Größe eines Reisebusses. Hier wird der Müll erstmal nach Größe sortiert. Ganz große Plastikfolien werden hier schonmal ausgesiebt. Der Rest fällt wieder aufs Laufband. Mit Hilfe von Magneten werden zum Beispiel Konservendosen rausgefischt. Rüttelmaschinen trennen kleinere Plastikfolien vom Rest. Besonders spannend fand ich eine Technik, die mit Hilfe von Infrarotlicht Müll erkennt.

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Förderbänder in Iserlohn – Foto: Kay Herschelmann

Sortieren mit Licht und Luft

Die Plastikarten reflektieren das Licht unterschiedlich. Ein Computer analysiert das mithilfe einer Kamera und sucht zum Beispiel nur nach Polypropylen – also meinem Joghurtbecher. Entdeckt er so ein Plastikstück, aktiviert er eine Luftdüse. Und die pustet das gewünschte Plastikteil dann auf ein anderes Laufband. Ganz am Ende der Strecke steht auch nochmal ein Mensch, der das alles von Hand nachsortiert. Grundsätzlich funktioniert die Mülltrennung in der Sortieranlage gut – Norbert Völl vom Grünen Punkt sagt aber auch, dass das Design von Verpackungen verbessert werden könnte, damit sie einfacher recycelt werden können: „Ein Bespiel sind Kunststoffverpackungen, die aus verschiedenen Kunststoff-Arten zusammengesetzt sind, zum Beispiel eine Schale für Fleisch.“

Die Schale ist aus einem Kunststoff und die Folie ist aus einem anderen Kunststoff. Das ist für die Maschinen schwierig auseinander zu sortieren.

Man kann aber beides aus dem selben Polymer machen, also aus der selben Kunststoff-Art und dann kann ich es problemlos recyceln ohne dass die Verpackung etwas von ihrer Funktion verliert.“ Hier sind also Hersteller und Verpackungstechniker gefragt. Wichtig ist aber auch, dass wir als Verbraucher zum Beispel beim Joghurtbecher den Alu-Deckel abreißen – dann kann die Maschine die verschiedenen Materialien einfacher erkennen und sortieren. Es hilft auch, wenn wir Verpackungen nicht ineinanderstecken und sie vor dem Wegwerfen leer machen. Halbvolle Joghurtbecher kann die Maschine nicht gut sortieren.

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In Hörstel kommt der Müll erstmal in den Schredder

Vom Müll zum Plastikgranulat

Die Anlage in Iserlohn sortiert gut 95.000 Tonnen Plastikmüll pro Jahr. Etwa 6 % davon ist Müll, der gar nicht in den gelben Sack gehört. Dann bleiben etwa 44 Prozent übrig, die nicht klar sortiert werden können. Dieser Müll wird so verarbeitet, dass er als alternativer Brennstoff verkauft werden kann. Vor allem Zementwerke setzen in ihrer Produktion als Brennstoff ein – statt Kohle. Die restlichen 50 Prozent gehen ins Recycling. Das Polypropylen im Fall von meinem Joghurtbecher landet zum Beispiel bei SystecPlastics in Hörstel. Die machen aus dem Plastikmüll Kunststoffgranulat.

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Frisch gewaschene Plastikschnipsel

Der Duft des Recyclings

Das passiert mit viel Lärm und einem ziemlich fiesen, süßlich-beißenden Müllgeruch – denn hier in Hörstel kommt der Müll mit Wasser in Berührung und das stinkt. Zuerst wird geschreddert und sauber gerubbelt, damit Essensreste und große Papierstücke schon mal abfallen. Und dann werden die Plastikschnipsel mehrfach gewaschen und dabei nochmal sortiert. Die Polypropylen-Schnipsel sind leichter als anderes Plastik und können vom Wasser abgeschöpft werden. Wenn ein Kunde helles Granulat braucht, sortiert eine Maschine die weißen und durchsichtigen Schnipsel aus. Meistens werden aber alle Schnipsel zusammen eingeschmolzen – das gibt dann graues Granulat, das der Grüne Punkt an Firmen verkauft, die Produkte aus Plastik herstellen.

Das passiert mit viel Lärm und
Aus Müll wird graues Kunststoffgranulat

Offen sein für Alt-Plastik

Um mir das anzuschauen, bin ich nach Ochtrup gefahren zur Firma Osko. Dort wird das Granulat wieder eingeschmolzen, mit Farb-Granulat vermischt und dann in eine Form gepresst – und fertig ist ein Blumentopf. Und in dem steckt auch ein kleiner Teil meines Joghurt-Bechers. Die Firma war eine der ersten, die bereit war, das recycelte Granulat auszuprobieren. Geschäftsführer Ralf Ostkotte sagt, dass es am Anfang auch schon mal gezischt und geraucht hat in der Produktionshalle: „Für mich war es erstmal wichtig, dass das Material funktioniert, das hat schon einige Anstrengung gebraucht und auch einige Entwicklung gebraucht – aber mittlerweile kann ich sagen ist es fast genauso zu verarbeiten wie normaler Kunststoff oder wie eine Neuware. Von daher habe ich da eine sehr positive Meinung zu.

Und das macht ja auch Sinn den Kunststoff für solche Sachen zu verwenden, bevor man ihn verbrennt oder deponiert oder sonst was mit macht.

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In diesem Blumentopf steckt auch ein Stück meines Joghurtbechers

Mehr als nur Müll

Durch das recycelte Material spart die Firma auch Geld. Einen neuen Joghurtbecher dürfte sie aus dem Granulat übrigens nicht mehr machen, für Lebensmittel ist das recycelte Polypropylen nicht zugelassen. Es gibt aber Tests, ob es für Kosmetikflaschen geeignet ist. Mein Tag auf den Spuren meines Joghurtbechers hat meinen Blick auf Plastikmüll auf jeden Fall verändert. Ich sehe ihn nicht mehr nur als Abfall, sondern auch als Rohstoff mit dem in Deutschland Millionen Euro umgesetzt werden. Eine Welt ohne Plastik halte ich für ziemlich utopisch – und wir haben weltweit ein großes Müllproblem. Deswegen müssen wir uns überlegen, wie wir Plastik gewinnbringend und umweltschonend wiederverwerten können. Wo wir als Verbraucher Plastik nicht einsparen können, sollten wir es als wertvollen Rohstoff betrachten und dementsprechend damit umgehen.