Statt Süßigkeiten oder Alkohol zu fasten, versuche ich es gerade mit Plastik, Verpackungen und sonstigem Müll: Zero Waste nennt sich diese Bewegung und immer mehr Leute werden zu Verfechtern der müllarmen Lebensart. Aber wie schwer ist es sich umzustellen und was bringt es der (Um-)Welt?

600 Kilo Müll pro Kopf

Es ist nicht gerade leicht ohne Verpackungen auszukommen und auch sonst möglichst wenig Müll zu machen. Eigentlich werde ich mir gerade erst nach und nach bewusst, wo ich überall Material verschwende und Verpackungen kaufe, die innerhalb kürzester Zeit im Müll landen: Brötchentüten, Joghurtbecher, Kaffeepads, Küchenrolle. Jeder Deutsche ist für etwa 600 Kilo Verpackungs- und Haushaltsmüll pro Jahr verantwortlich – das liegt über dem EU-Durchschnitt.

Mein Müll

Nicht alles wegwerfen

Sinn der Sache ist es aber auch nicht, plötzlich halbvolle Shampoo-Flaschen, den Käse aus dem Kühlschrank und alle Putzmittel wegzuschmeißen. Die Umstellung ist ein langer Prozess, weiß auch Julia Hennen aus Köln. Sie schraubt seit November an ihren Gewohnheiten:

„Mein Ziel wäre mittelfristig eine gelbe Tonne pro halbes Jahr. Hier in der Schublade sieht man eine Mixtur aus alten Sachen, die noch verpackt sind, und neuen Sachen wie selbstgemachter Vanillezucker oder Nudeln im Glas. Und im Badezimmer hat sich einiges geändert: wir haben festes Shampoo in Seifenform, Hand- statt Flüssigseife und Körperseife. Die ersetzt auch den Rasierschaum.“

Das restliche Duschgel braucht Julia nach und nach auf. Auch Tampons und Feuchttücher gibt es in ihrem Haushalt noch, aber ihre Ersatzideen erhalten immer mehr Einzug. Eine Mentrusationstasse zum Beispiel (mehr zum Thema Kosmetik, Inhaltsstoffe und Alternativen bald hier im Blog) und Baumwolltücher, die man auswaschen kann.

Tinka Menstruationstasse

Selbstgemachte Kosmetik

Ich habe mir gerade selbst ein Sprühdeo „gekocht“. Aus Wasser, Natronpulver und Pfefferminzöl wird ein gut funktionierender Geruchshemmer. Wer lieber festes Deo nutzt, kann mit Stärke oder Kokosöl arbeiten. Mit natürlichen Ölen aus Glasflaschen und Bio-Lebensmitteln wie Kaffeepulver, Kaffeesatz, Kokosraspel, Honig, Haferflocken, Avocado und Co lassen sich wunderbare Peelings und Pflegeprodukte basteln. Man muss sich nur trauen. Mein Lieblings-Peeling besteht aus 100g braunem Zucker, 20g Kokosraspel, etwas Kaffeepulver, 20g Kokosöl und ein paar Tropfen ätherischer Essenz. Mehr Rezeptideen gibt es in vielen Zero Waste-Blogs wie dem von Olga Witt.

Kosmetik ohne Plastik

Neue Gewohnheiten

Ich gewöhne mir gerade an, statt Küchenrolle ein Baumwolltuch zu nehmen. Ich kaufe keine Margarine mehr, sondern streiche mir Walnuss-, Kokosöl oder Avocado auf mein Brot. Und für meine Einkäufe beim Bäcker habe ich jetzt ein Leinentuch, da wickle ich mein Brot ein. Beim Kuchen vermeide ich Verpackung und Folie durch einen eigenen Behälter. Das funktioniert aber nicht überall. An der Frischetheke im Supermarkt bin ich zum Beisipel kläglich gescheitert:

„Können Sie das hier in die Dose machen? – Nein, das geht nicht.“

In einigen Supermärkten geht es aber doch – mit gewissen „Hygieneschranken“. Ein Verbot für eigene Dosen gibt es nämlich nicht. Es scheint eher die Sorge vor Verunreinigung zu sein.

Unverpackt-Läden

Wo man eigene Dosen nicht nur mitbringen darf, sondern auch sollte, sind Unverpackt-Läden. Hier gibt es vor allem Trockenwaren wie Nudeln, Haferflocken, lose Gewürze, Schokolade und Weingummi ohne Packung. In Köln gibt es bereits mehrere solcher Läden. Bei „Tante Olga“ habe ich mein Natron und Zahnputztabletten gekauft. Aber auch hier experimentiere ich noch herum. Ich habe zum Beispiel eine Zahncreme aus Kokosöl, Kurkuma und Pfefferminzöl – jeweils 1TL von allem mischen, fertig. Die ist ziemlich gelb, soll die Zähne aber angeblich weiß machen. Ich versuche einfach beides eine Weile. Mein Zahnarzt wird mir schon sagen, ob das gut funktioniert.

Putzmittel und Prozente

Ein riesiger Müllposten sind Putz- und Waschmittel. Dazu kommen Gummihandschuhe – wer will schon seine Haut mit den aggressiven Mitteln kaputt machen? Aber auch hier kann man ohne viel Aufwand eigene Mittel herstellen: mit Natron, Essig, Zitronensäure und Waschsoda. Das spart viel Müll. Und im besten Falle auch Geld. Da man nämlich bewusster einkauft und einige Mittel für vieles nutzen kann, wird es auf Dauer günstiger. Zudem steigt die Nachfrage, so dass Unverpackt-Läden immer größere Mengen einkaufen können. Und es gibt Kundenkarten-Systeme, so dass man als Dauergast zusätzliche Prozente bekommt. Mittlerweile gibt es in Deutschland etwa 60 Unverpackt-Läden. Mein Wunsch wäre, dass ich da – oder im Supermarkt – in Zukunft dann auch Kühlwaren ohne Verpackung bekomme, vor allem sowas wie Tofu und Soja-Joghurt gibt es z.B. noch nirgends im Glas. Frisches Obst und Gemüse bekomme ich dafür ja im Supermarkt teilweise ohne Plastik, und auf dem Markt oder im Bauernlädchen – die gibt es in vielen Städten immer öfter.

Schrank voller Putzmittel

Biomüll

Für ihren Biomüll hat Zero Wasterin Julia Hennen in der Küche einen kleinen, und auf dem Balkon einen großen Kompost-Eimer stehen. Jedes Haus kann sich eine braune Biotonne bei der städischen Müllabfuhr organisieren. Das Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz gibt Tipps, was reingehört, zum Beispiel Essensreste und Pflanzenabfälle – raus kommen je nach Verwertung Biogas oder in Köln z.B. KöKo, städtischer Kompost, den ich kaufen kann, um z.B. meine Blumen zu düngen.

Biomüll

Weltweite Müllprobleme und Lösungsansätze

Die Zero Waste-Bewegung wird Märkte und Wirtschaft verändern, sagt das Frankfurter Zukunftsinstitut. Precycling statt Recycling ist das Ziel – also Müll nicht wiederzuverwerten, sondern gar nicht erst entstehen zu lassen. Es gibt zahlreiche Vorreiter: eine finnische Firma hat ein Mehrwegsystem für Versandverpackungen gestartet: die “Repacks” bestehen aus recyceltem Material, man kann sie an Sammelstellen abgeben und von da werden sie wieder in den Versand gebracht – gerade für das Thema Online-Shopping eine mögliche Müll-Lösung. Immer mehr Restaurants stellen Spezialisten ein, um ihren Müll zu reduzieren. In Japan will das Dorf Kamikatsu bis 2020 sogar komplett müllfrei leben. Und Neapel will Europas müllfreie Stadt Nummer 1 werden. Ich arbeite auf jeden Fall weiter am Müllfasten und hoffe, dass viele weitere Leute mitziehen.

Audio

Bei WDR5 Leonardo war Zero Waste an Aschermittwoch auch ein Thema. Hier geht´s zum Audio:

Und am Dienstag, 27.2. zwischen 15 und 17 Uhr könnt ihr unser Bilanz-Gespräch hören – mit kritischem Blick auch darauf, welche Ziele Politik und Wirtschaft denn eigentlich verfolgen und was Zero Waste am Ende bringt.