„Was soll ich da schon machen?“ Das habe ich mich oft gefragt. Selbst wenn ich die Paprika im Supermarkt ohne Plastikhülle kaufe – wer sagt mir, dass sie nicht vorher auch eingeschweißt war? Warum soll ausgerechnet ich es mir schwer machen, öko werden – wenn alle anderen weitermachen als gäbe es kein Morgen? Wieso reißen sich einige Wenige in Deutschland einen Arm aus, um Plastik zu vermeiden, während in Vietnam, Kuba und sonst wo Plastiktüten ohne mit der Wimper zu zucken in Geschäften rausgegeben und Sekunden später weggeschmissen werden.

Mein Müll

Die Menschen in aller Welt trinken Kaffee aus extra produzierten Bechern mit Plastikdeckeln und Kaltgetränke aus Dosen mit Strohhalm. Wir bestellen uns Essen in Styroporschalen und Alufoliebehältern mit Einwegbesteck. Das ist alles, nur nicht nachhaltig.

Mein Müll

Wir haben im November einen Monat lang unseren Müll gesammelt (der Dezember ist durch Weihnachten, Kekse, Geschenke etc nicht so repräsentativ für einen Durchschnittsmonat und im Januar war unser Vegan-Monat, der unser Einkaufsverhalten auch stark verändert hat) – das Ergebnis sind bei Anita sieben 30-Liter Müllbeutel plus viel Kleinmist. Bei Caro anderthalb große blaue Müllsäcke voll mit Plastikverpackungen.

Mein Müll

Ich finde diesen Müllhaufen schon ziemlich groß. Es fängt an beim Müllbeutel selbst, geht über Shampoo-Flaschen und Zahnbürsten über Einkaufstüten, Schneidebrettchen und eingeschweißten Käse. Andere sind verantwortlich für unzählige Plastikdeckel von Coffee to go-Bechern und Verpackungen von bestelltem Essen. Wir fahren Fahrrad oder Auto und denken hier vielleicht nicht ganz automatisch an verarbeitetes Plastik. Ganz zu schweigen vom Mikroplastik in Textilien. Die Liste ist lang – und dabei sind wir noch kleine Fische – wenn ich jetzt an den Müll denke, der jeden Abend in Supermärkten, Restaurants, Krankenhäusern und auf Konzerten, Sportveranstaltungen und Co zusammenkommt, dann wird mir das Ausmaß etwas deutlicher. Apropos Fische: Eine Plastikflasche, die im Meer schwimmt, braucht etwa 450 Jahre, bis sie halbwegs zerfallen ist. Eine dünne Plastiktüte wabert etwa 20 Jahre durch das Wasser bis sie zersetzt ist. Plastikmüll basiert auf Erdöl und ist eben nicht biologisch abbaubar.

Eine Welt ohne Plastik

In einem Infoblatt des Umweltbundesamts (UBA) heißt mit Berufung auf den Branchenverband der Hersteller, Verarbeiter und Anwender von Biokunststoffen „EuropeanBioplastics“:

„Der Verbrauch herkömmlicher Kunststoffe betrug 2005 (…) in Europa ca. 53 Millionen Tonnen und in Deutschland mehr als 9 Mio. Tonnen. Der Anteil der Biokunststoffe am Gesamtkunststoffverbrauch betrug in Europa etwa 0,1 Prozent und in Deutschland etwa 0,05 Prozent.“

Die Zahlen sind zwar schon älter und mittlerweile dürfte sich in Sachen Biokunststoffe etwas getan haben, aber der Verbrauch an herkömmlichem Plastik ist dadurch sicher nicht gesunken.

Plastikdeckel_photo Messe Düsseldorf_ctillmann
Photo Messe Düsseldorf | ctillmann

Im Umkehrschluss bleibt ziemlich wenig übrig, wenn ich mir eine Welt ohne Plastik vorstelle. Der Schreibtisch wäre plötzlich leer, ohne Computer, die Straßen wären plötzlich nahezu frei von Autos, Fahrrädern und Kinderwagen, die Supermärkte ratzekahl und ich wäre möglicherweise ziemlich nackt.In einigen Bereichen möchte man vermutlich nicht auf Plastik verzichten.

Photo Messe Düsseldorf | ctillmann

Um zu verstehen, wieso Plastik ein echtes Problem ist, möchten wir verstehen, wie Plastik hergestellt wird, was drin ist und wo es enthalten ist. Die für die Produktion herkömmlicher Kunststoffe erforderlichen Rohstoffe gewinnt die chemische Industrie aus Erdöl oder Erdgas. Diese Kunststoffe sind den damit verbundenen Preisschwankungen unterworfen. Für die Massenkunststoffe Polyethylen (PE), Polypropylen (PP) und Polystyrol (PS) wurden Ende März 2009 weniger als 900 Euro pro Tonne verlangt.

Noch besser leben ohne Plastik | Nadine Schubert
Noch besser leben ohne Plastik | Nadine Schubert

Wir machen uns auf die Suche nach Antworten – und werden gleichzeitig versuchen, möglichst plastikfrei zu leben. Einige Müllfaster schaffen es tatsächlich in einem ganzen Jahr nur ein kleines Gläschen voll mit Plastikmüll anzusammeln. Das verdient großen Respekt. Mal sehen wie es uns so ergehen wird. Für etwas Starthilfe und gute Tipps im Alltag empfehlen wir das Buch „Noch besser leben ohne Plastik“ von Nadine Schubert – sie zeigt wie und wo man Plastik sparen kann, ohne dass man völlig umkrempeln muss.

Eine Reise mit dem Müll

Wir werden unseren Plastikmüll begleiten auf seinem Weg zur Recycling-Anlage. Wir werden versuchen ohne Extraverpackungen einzukaufen, uns die Zähne mit Bambus-Zahnbürsten putzen und unseren Thermobecher mitnehmen – immer im Hinterkopf, dass auch dieser Becher hergestellt und ausgespült werden muss. Was am Ende wirklich nachhaltig ist, versuchen wir rauszufinden.

Noch besser leben ohne Plastik | Nadine Schubert
Noch besser leben ohne Plastik | Nadine Schubert

Spannend ist hier eine durchgeführte Ökobilanz, die das Umweltbundesamt in ihrem Infoblatt erwähnt. Nach internationalem Standard wurden Einweggetränkebecher aus PET, Polystyrol, Karton und PLA mit einem Mehrwegbecher aus Polypropylen verglichen. „Es zeigte sich, dass das Mehrwegbechersystem allen Einweglösungen [und damit auch biologisch abbaubaren Kunststoffbechern] aus Umweltschutzsicht deutlich überlegen ist. Das Umweltbundesamt folgert daraus und Biokunststoffe nicht zwingend das Gelbe vom Ei sind. Damit wird aber gerne geworben. „Bio“ verkauft sich eben gut. Aber:

Das Werben mit positiven Umweltaussagen im Zusammenhang mit biologisch abbaubaren Kunststoffen sollte solange unterbleiben, bis auf der Grundlage anerkannter wissenschaftlicher Untersuchungen der Nachweis der
Umweltvorteilhaftigkeit tatsächlich erbracht ist.
Große Unterstützung haben Biokunstsotffe zudem auch von Industrie- und Landwirtschaft kaum. Die Industrievereinigung Kunststoffverpackungen e.V. sagt: „Die IK unterstützt all jene Aktivitäten zur Förderung von Biokunststoffen, die nicht auf eine Diskriminierung traditioneller Kunststoffe bzw. daraus hergestellter Verpackungen abzielen“, so heißt es im Infoblatt des UBA.
Gleiches gilt für die europäischen Verbände der Kunststoffproduzenten (PlasticsEurope) und der Kunststoffverarbeiter (EuPC). Diese weisen die Annahme zurück, dass biologisch abbaubare oder kompostierbare Kunststoffe generell umweltfreundlicher als konventionelle Kunststoffe seien. Man verweist auch darauf, dass Verpackungen aus biologisch abbaubaren Kunststoffen das Problem der  Landschaftsvermüllung verschärfen können. Die Verbände fordern, dass sich Entscheidungen zugunsten der Kunststoffe aus nachwachsenden oder biologisch abbaubaren Rohstoffen auf belastbare wissenschaftliche Kriterien stützen und den gesamten Lebenszyklus des Produkts berücksichtigen müssen.
Kunststoffrecyclingunternehmen und Entsorgerverbände wie der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. stehen biologisch abbaubaren Produkten reserviert gegenüber. Sie sehen in ihnen Störstoffe,  die den Recyclingprozess erschweren, die Produktqualität der erzeugten Kunststoffrezyklate verschlechtern und die Aufbereitungskosten erhöhen.
Die Bundesgütegemeinschaft Kompost e.V. sieht, wie der Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) und die Bundesvereinigung der Humus- und Erdenwirtschaft e.V. (BHE), Erzeugnisse aus biologisch abbaubaren Kunststoffen als Störstoffe im Kompostgut an und lehnt ihre Entsorgung über die Biotonne ab.

Mein Müll

Es gibt aber auch längst Alternativen zu Biokunststoffen, nämlich biologisch abbaubare und sogar essbaren Hüllen für Wasser und Co aus Seetang:

 Skipping Rocks Lab mit dem Produkt Ooho! verfolgt folgende Idee:

Andere Unternehmen arbeiten an essbaren Kaffeetassen und essbaren Strohhalmen.

Essbarer Strohhalm

Und US-Forscher arbeiten an Verpackungen aus dem Milchprotein Casein.

Es gibt Bioplastik aus Bananenschalen und Kartoffeln. Nur marktreif für die Masse ist das Meiste noch nicht. Wir werden mit einigen Forschern und Entwicklern, mit Verbänden und der Bundesregierung sprechen. Zudem gibt es eine große Bewegung in der Gesellschaft, die vermeiden möchte, dass immer mehr neues Plastik produziert wird. Bereits existierendes Material wird recycelt und wiederverwendet – in Form von PET-Flaschen für Pullover, Taschen aus alten Plastiktüten oder Surfboards aus Müll aus dem Meer. Diese Aufwertung nennt sich Upcycling und erfreut sich immer größerer Beliebtheit.

Plastikfreie Handyhülle

Nach den ersten fünf Tagen im Februar müssen wir sagen: Plastik zu sparen ist mehr als schwierig. Gemüse und Obst kaufen geht ja mit etwas Geschick noch ohne all den Müll, Brot bekomme ich beim Bäcker auf ohne Verpackung. Aber andere Produkte, vom Joghurt bis zur Zahnpasta, erfordern Umdenken. Wer Plastik sparen möchte, muss raus aus seiner Komfortzone. Ob wir das schaffen? Mehr dazu bald hier im Grünköpfe-Blog.