Ich mache Triathlon. Viele Athleten aus diesem und vielen anderen Sportbereichen schwören dabei auf proteinreiche Ernährung. Quark, Joghurt, Fisch, Fleisch und Nahrungsergänzungsmittel wie Omega3-Fischöl, Eiweißpulver und Co. So wie ich auch. Aber ist das alles notwendig? Oder bin ich auch ohne tierische Produkte leistungsfähig? Ein veganer Fußballverein und viele andere Sportler machen vor wie es auch ohne Fleisch läuft.

Meine sportliche Leistung als Veganerin

Ich war Ende letzten Jahres beim Arzt und habe mein Blut auf Eisen, Folsäure, Cholesterin und Vitamin B12 untersuchen lassen. Nach dreieinhalb Wochen veganem Essen sind die Ergebnisse sicher nicht sehr aussagekräftig, zeigen aber vielleicht eine spannende Tendenz: mein Eisenwert ist etwas gesunken, ich bin aber immer noch im guten Normbereich. Mein Cholesterin ist von 232 auf 205 gesunken – Normwert sind 200 Milligramm. Und mein B12 ist identisch – da dauert eine sichtbare Veränderung aber oft länger, wie mir unser Betriebsarzt Dr. Michael Neuber sagte.

Laufen

Was das Training angeht: ich bereite mich gerade auf meinen ersten Ironman vor. Der Wettkampf ist am 8.Juli in Frankfurt. Ich werde weiterhin genau beobachten, ob sich trotz steigendem Trainingspensum auch etwas an der Regeneration verändert, ob ich fitter und flotter werde und vielleicht besser schlafe. Bisher kann ich sagen: ich habe das Gefühl schneller zu regenerieren und nach harten Trainingseinheiten schneller wieder frisch zu sein. Das mag sehr subjektiv sein und kann viele Gründe haben, aber ich fühle mich sehr, sehr gut damit.

Veganer Fußballverein | Green Forest Rovers

In England zelebriert ein ganzer Fußballverein namens „Forest Green Rovers“ seit mittlerweile zwei Jahren den veganen Lebensstil. Keine Bratwürstchen, keine Frikadellen. Das geht? Beim Fußball?

Der Vorsitzende Dale Vince läutete den Umschwung 2010 ein. Er ist Gründer der Green Energy Company Ecotricity und selbst Veganer. Erst wurde rotes Fleisch von der Speisekarte gestrichen, dann jegliche Art von Fleisch und später auch Fisch. Dafür nennt der Club drei Gründe: die Umwelt, Tierschutz und die eigene Gesundheit.
Green Forest Rovers
An Spiel- und Trainingstagen gibt es bunte Vegan-Menüs. Am beliebtesten ist die Q-Pie, ein Küchlein aus Lauch und Quorn – das ist ein industriell hergestelltes Nahrungsmittel aus einem fermentieren Pilz – oft als Hackfleischersatz genutzt. Dazu gibt es Fajitas, vegane Burger und natürlich Salate. Dazu gibt es biologisch abbaubares Besteck und Kaffeetassen. Veganismus hört bei den Green Forest Rovers aber nicht am Tellerrand auf. Das Team versucht auch das Equipment betreffend möglichst nachhaltig zu sein und nutzt Tornetze, Fußbälle und Schuhe aus synthetischer Herstellung und frei von Leder. Es gibt sogar Netze aus Polymilchsäure. Die ist biologisch abbaubar, aber eben nicht vegan. Und natürlich sind synthetische Materialien ebenfalls eine Umweltbelastung. Aber alles auf einmal ist eben auch als grünster Fußballclub der Welt schwer umzusetzen.

Forest Green Rovers

Natürlich bleibt so ein Projekt im Herzensverein nicht nur auf dem Spielrasen. Viele Mitglieder haben auch privat ihren Fleischkonsum reduziert und essen teilweise komplett vegan, hat mir Max Boon vom Club berichtet. Ob die Essensumstellung der Grund dafür ist, dass die Football League den Verein das erste Mal in der Vereinsgeschichte promotet und das Finale im Mai 2017 in Wembley gewonnen wurde, das sei mal dahin gestellt, aber dass es den Mitgliedern, den Gästen und der Umwelt gut tut, das steht fest.

Drei Sportler im Inteview

Nach einer Woche Veganer Ernährung und nur bedingt ausgiebigem Training kann ich noch nicht viel zur Leistungsfähigkeit sagen, aber andere haben schon mehr Erfahrung und teilen sie gerne: die  Altersklassen-Triathleten Alexander Kaiser und Sandra Meckel sowie Profi-Leichtathlet Alyn Camara. Und es werden immer mehr in der Liste: Formel1-Fahrer Luis Hamilton hat gerade erzählt, dass er nun vegan lebt. Es gibt sogar einen rein veganen Fußballverein.

Alexander Kaiser | schläft jetzt besser

Der Triathlet aus Hochdorf bei Stuttgart ernährt sich seit 2012 zu 100% vegan. Der erste Impuls war, dass es sportlich spürbar abwärts ging. Zusätzlich waren seine Regenerationszeiten nach harten Einheiten recht lang. In dieser Zeit sorgte der Satz eines Freundes für die totale Umstellung: „Stell Dir vor es wandern Leichenteile durch deinen Verdauungstrakt“. Alexander blieb der Sache vom ersten Tag an treu.

Veganer Triathlet Alexander Kaiser

Neue persönliche Bestzeit

Schon in den ersten beiden Wochen merkte Alexander positive Veränderungen. Sein Schlaf war erholsamer als sonst, die folgenden Jahre war er kaum mehr krank und auch im Training spürte er wieder Fortschritte. Nach einiger Zeit hat er sogar seine 13 Jahre alte Halbmarathon-Bestzeit um eine Minute verbessert.

Hanfprotein statt Eiweißshake

Wo Triathleten oft auf Quark und Joghurt, Fisch und Fleisch schwören, greift Alexander ab und zu zur veganen Alternative aus Soja oder Mandeln zurück. „Milch- und Fleischprodukte verlangsamen den Stoffwechsel und werden sehr schwer und deutlich länger verdaut als pflanzliche Nahrung“, sagt der Sportler. „Zudem fördern sie Entzündungen im Körper und sind für viele Allergien verantwortlich.“ Statt der üblichen Eiweißshakes bevorzugt Alexander Hanfprotein, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen und Tofu, außerdem empfiehlt er Tempeh (fermentierten Tofu) und gekeimte Samen und Sprossen.

Vitamin B12

An Vitaminen nimmt Alexander B12-Tabletten. „B12 ist eigentlich ein Bakterium, welches sich auf Pflanzen und auch deren Wurzeln bildet. Auf unseren ausgelaugten Böden bildet sich leider kein oder viel zu wenig Vitamin B12, so dass B12 auch bei den Tieren immer zugefüttert, manchmal sogar gespritzt wird. So nimmt der Nichtveganer das Suplement eben auf Umwegen zu sich.“

Vegane Kosmetikartikel

Veganismus hört bei Alexander auch nicht im Badezimmer auf. Er achtetbei Kosmetikprodukten darauf, dass sie tier- und tierversuchsfrei sind – und bei seinem Sportequipment, soweit das geht, auch. „Die meiste Funktionsbekleidung – bis auf Produkte aus Merino-Wolle – sind ja aus synthetischem Material. Nur bei Lauf- und Radschuhen wird es schwieriger, da darin oft ein Anteil an Leder verarbeitet ist.“ Selbst beim Fahrrad achtet Alexander darauf, dass Lenkerband und Sattel vegan sind.

„Die beste Entscheidung meines Lebens“

Vegan zu leben fällt Alexander kein bisschen schwer. Einziger Wermutstropfen sind die aktuell noch recht spärlich vorhandenen Restaurants und Cafés – vor allem im ländlichen Raum. Mit Freunden geht man dann eben zum Italiener, da findet sich immer etwas. Oder man ruft im Vorfeld an und fragt ob der Koch etwas Veganes zubereiten kann. „Ich habe die besten Entscheidung meines Lebens getroffen und ich bin sehr glücklich darüber. Wie sagt man so schön: „Frieden beginnt auf dem Teller“.

Sandra Meckel | noch recht grün hinter den Ohren

Sandra aus Hof in Oberfranken ist eine recht frische Veganerin. Sie lebt seit Oktober 2017 frei von tierischen Produkten. Ab und zu würde sie schon gerne mal ein Steak essen oder sich ein Ei gönnen – aber sie tut es nicht. „Wie der Mensch mit dem Tier umgeht, ist für mich nicht mehr (er)tragbar.“

Vegane Triathletin Sandra Meckel

Alte Gewohnheiten

Vor neun Jahren hat Sandra ein Buch von Jonathan Safran Foer gekauft und darin viel über Tierleid gelesen. Aber in ihrem Laufrad aus Arbeit und Alltag hat sie es nicht geschafft aus ihren Gewohnheiten auszubrechen. Letzten Herbst hat es dann endlich geklappt – und die Familie zuhause zieht mit. Sie mögen, was Sandra kocht.

Kürzere Regeneration

Seit 2014 macht Sandra Langdistanzen beim Triathlon. „Jetzt ab Januar komme ich auf 15-18 Wochenstunden Sport“, sagt Sandra. In der Hauptphase werden es auch 20 Stunden oder mehr. Aber die vegane Ernährung wird sie daran nicht hindern. Im Gegenteil. „Ich merke einen unheimlich großen Unterschied.“ Trotz der Ernährungsumstellung hat Sandra mit ihrem Trainer nichts am Trainingsplan und der Intensität geändert, das heißt sie trainiert genauso wie vorher mit anderer Ernährung, aber die Regenerationszeiten sind merklich und laut Fitnesstracker deutlich kürzer – teilweise um einen halben Tag pro Trainingstag.

Veganes Fast Food

Ab und zu stillt Sandra ihre Lust auf Fleisch mit Soja- und Lupinengeschnetzeltem. Aber für sie ist das nichts weiter als Fast Food auf Pflanzenbasis – es schmeckt ihr nicht. Sandra kocht lieber oder dünstet etwas Leckeres mit Samen, Körnern, Gemüse, Zwiebeln. Und auch im Badezimmer und beim Sportequipment kommt Sandra nichts tierisches ins Haus.

„Ich werde nichts wegwerfen, was ich aus Tierprodukten besitze, aber ich bin sehr hellhörig geworden.“

Bei Festen und Feierlichkeiten fällt der Sportlerin das Vegan-Sein manchmal etwas schwer. Alles sieht lecker aus und riecht verlockend – auch wenn sie gar nicht weiß ob es ihr noch schmecken würde. Wenn andere Plätzchen essen, isst Sandra eben Studentenfutter oder getrocknete Äpfel von ihrem Vater – beides hat sie seit der Umstellung immer dabei.

Leichtathletik-Profi Alyn Camara

Alyn is 28 Jahre alt, hat senegalische Wurzeln, lebt in Köln und trainiert beim ASV. Er hat schon immer Sport gemacht – im Garten Fußball gespielt, mit Freunden Basketball gezockt, später kam die Leichtathletik dazu, an den Weitsprung hat Alyn dann sein Herz verloren.

Veganer Leichtathlet Alyn Camara

Frisch vom Metzger

Fleisch und Wust gehörten zu Alyns Grundnahrungsmitteln. Ob morgens auf dem Brot für die Schule oder zwischendurch, wenn die Mutter noch nichts gekocht hat. Käse gab es nur eingeschränkt. „Da hat mir eigentlich nur Gouda-Scheibenkäse geschmeckt.“ Dafür gab es regelmäßig Fleisch in Form von Geflügel und Rind. „Meine Mutter hat immer darauf wert gelegt, dass Fleischprodukte von guter Qualität sind. Also frisch vom Metzger und idealerweise Bioqualität. Gemüse war mein größter Feind.“ Nur Brokkoli mochte  Alyn schon immer.

Alyns Gründe für die Umstellung

Sportlich richtig in Fahrt kam Alyns Karriere 2007, als er seinen ersten internationalen Start bei einem Länderkampf gegen Frankreich und Italien hatte. Im Sommer 2008 startete er bei seiner ersten WM – als Nichtveganer. Die Umstellung auf eine vegane Ernährung kam bei Alyn erst zehn Jahre später, im April 2017. „Weil ich knapp drei Monate übersäuerte Beine hatte. Sie haben sich nicht mehr regeneriert. Da lag das Thema Basenhaushalt auf dem Tisch.“ Es war zu Beginn nur ein Test.

„Mittlerweile bin ich voll überzeugt.“

Zu Beginn hat Alyn drastisch an Gewicht verloren. Er musste erstmal die Balance finden, denn der Bedarf an Nahrungsaufnahme steigt als Veganer eben – zumindest bei einem Leistungssportler. Doch die Umstellung liegt gut und die Regenerationsphasen sind wieder deutlich kürzer geworden. Sowohl im Training als auch danach.

Alyn Camara im Trainingslager

Proteinzufuhr

Seinen Proteinbedarf für seine strapazierfähige Muskulatur und ein starkes Immunsystem deckt Alyn über gekeimte Hülsenfrüchte, Ersatzprodukte konsumiert er kaum. Ab und zu trinkt er Reismilch, aber die hat er schon vor seiner Umstellung konsumiert. Damals sogar deutlich öfter als jetzt. Ergänzt wird seine Ernährung durch vegane Proteinpulver. „Die sind für mich im Sport sehr wichtig geworden. Insbesondere um die kurzen Zeitfenster der optimalen Regeneration zu nutzen. Meistens bin ich ummittelbar nach dem Training gar nicht in der Verfassung um feste Nahrung auf zu nehmen. Da kommt so ein Shake sehr gelegen.“ Zum Thema B12 sagt Alyn „zu Beginn habe ich suplementiert. Aber mittlerweile so gut wie gar nicht mehr. Der Körper speichert B12 5-10 Jahre. Mein Wert lag so hoch, dass ich für die ersten Jahre ausgesorgt habe.“

Duschgels aufbrauchen

In Sachen Kosmetik hält Alyn es so einfach wie möglich. „Ich nutze zur Zeit vielleicht 1x in der Woche ein Duschgel. Warmes Wasser reicht in der Regel vollkommen aus um Schweiß vom Körper zu bekommen. Ich nutze es nur, wenn ich eine sehr intensive Einheit hatte und nicht unmittelbar danach duschen kann. Zur Zeit brauche ich noch meine Reserven auf.“ Wenn was Neues her muss, wird es sicher auch vegan.

Veganes Sportequipment

Was seine Sportklamotten angeht: er hat seit seiner Umstellung keine neue Kleidung gekauft. Und wenn es was Neues sein muss, dann wird er darauf achten, dass es vegan ist. „Schön wäre es natürlich, wenn vegane Labels im Hochleistungssport anknüpfen und damit auch Materialien zur Verfügung stellen können.“

Alyn Camaras Food-Bag

Alyn on Tour

Schwierig mit der Ernährung wird es für den Profi vor allem, wenn er sein gewohntes Umfeld (Großraum Köln) für längere Zeit verlassen muss, zum Beispiel für seine Trainingslager. „Es ist leider so, dass Hotels nicht wirklich auf eine vegane Ernährung eingestellt sind. Lebensmittel sind in den Hotels eher von minderer Qualität oder total verkocht. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Aber meistens wird das Hotel ausgesucht, in dem es das meiste Fleisch gibt.“ Deshalb hat Alyn sich angewöhnt eigenes Essen mitzubringen, wie seine kürzlich erschienene Instagram-Story zeigt: Hülsenfrüchte, Reis, Keimgläser, Wasserkocher, vegane Riegel und ein paar Saucen. „Dann bediene ich mich am Buffet mit dem Gemüse und den Rest bereite ich selbst zu. Gehört halt zu meinem Job.“

Nahrungsergänzungsmittel

Mehr zum Thema B12 erfahrt ihr bald hier bei uns. Bis dahin gibt es noch spannende Artikel auf ProVegan.info.