„Du lebst Vegan? Aber was isst du denn dann jetzt im Moment?“ Diese Frage bekomme ich gerade ständig gestellt und sie ist eigentlich gar nicht so schwierig zu beantworten. Zum Frühstück gibt‘s zum Beispiel Obstsalat. Gerne mit Sojajoghurt. Mittags dann eine Scheibe Brot – mit selbstgemachtem Aufstrich aus Tofu, Kräutern und getrockneter Tomate. Und abends ein veganes thailändisches Curry, mit Tofu-Stangen statt mit Hühnchen. „Soja, Soja und noch mal Soja. Ist das denn wirklich nachhaltiger, als Fleisch zu essen?“ werde ich kritisch gefragt. „Für dein Soja wird doch der Regenwald abgeholzt.“ Diesem Vorwurf will ich genauer nachgehen.

Soja – Brennstoff für die Fleischproduktion

Tatsächlich hat Brasilien seine Anbauflächen für Soja in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt. Auch, weil es in Deutschland eine so hohe Nachfrage nach Soja gibt. Laut WWF importieren wir jedes Jahr aus  Südamerika fast fünfeinhalb Millionen Tonnen Soja. Aber sind die wirklich nötig, um die wenigen Veganer in Deutschland mit Sojamilch und Tofu zu versorgen? Mitnichten. Sie sind für die Fleisch- und Milchindustrie gedacht. Der allergrößte Teil des importierten Soja wird zu Futtermittel verarbeitet. Laut WWF fast 80 Prozent. „Das heißt, in Ländern wie Brasilien oder Paraguay haben wir durch unseren Fleischkonsum einen Verlust von Artenvielfalt, eine Zerstörung der Savannen und eine Zerstörung der Regenwälder“, erklärt Tanja Dräger de Teran, Klimareferentin beim WWF. Ich betone nochmal: Durch Fleischkonsum! Nicht durch Veganer! Das Soja, das aus Südamerika kommt, darf bei uns auch gar nicht zu Tofu oder Sojamilch verarbeitet werden, denn es ist gentechnisch verändert. Und wird darüber hinaus auch oft unter massivem Glyphosat-Einsatz angebaut.

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Brandrodung in Amazonien, Brasilien

Soja-Zwerge und Weizen-Riesen

Die Sojabohnen, die in verarbeiteter Form bei uns auf dem Teller landen dürfen, kommen aus Indien, China und aus Europa. Auch in Deutschland wird inzwischen zunehmend Soja angebaut. „Neben Soja gibt es weitere heimische Leguminosen wie Linsen, Erbsen oder Lupinen die je nach Standort in unsere getreidelastigen Fruchtfolgen integriert werden sollten, um die Artenvielfalt auf dem Acker zu stärken und die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern“, sagt Tanja Dräger de Teran vom WWF. Trotzdem ist der Anbau in Deutschland immer noch eine Nische. Dem Deutschen Soja-Förderring zufolge wurden in Deutschland im Jahr 2017 auf über 19.000 Hektar Soja angebaut, vor allem in Bayern und in Baden-Württemberg. Einerseits ein historischer Höchststand, andererseits ein Bruchteil des gesamten Anbaus bei uns. Zum Vergleich: Winterweizen wurde laut Statistischem Bundesamt letztes Jahr auf mehr als drei Millionen Hektar angebaut.

Internationales Jahr der Hülsenfrüchte

Selbst die UNO findet, dass den Menschen deutlicher gemacht werden muss, welchen Ernährungsnutzen Leguminosen, also Hülsenfrüchte haben. Sie hat dazu eine Resolution verabschiedet, in der sie festhält, dass sich Hülsenfrüchte positiv auf die Umwelt auswirken, eine wichtige Quelle für pflanzliches Eiweiß und Teil einer gesunden Ernährung sind und zur Sicherung einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion beitragen können. Dazu hat die UNO 2016 sogar zum Jahr der Hülsenfrüchte ausgerufen. Davon mitbekommen habe ich allerdings ehrlich gesagt nichts, eine intensive öffentliche Debatte über den Konsum von Hülsenfrüchten im Allgemeinen und Soja im Besonderen ist offenbar nicht entstanden.

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In Deutschland wird bisher nur wenig Soja angebaut

Allerdings wird in Deutschland der Anbau von Leguminosen seit einigen Jahren gefördert. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat dazu im Jahr 2012 eine Eiweißpflanzen-Strategie ausgerufen. Landwirte und Forschung werden unterstützt. Das BMEL erhofft sich davon eine nachhaltigere und wettbewerbsfähigere Landwirtschaft. Leguminosen, zu denen auch die Soja-Bohne gehört, haben die Besonderheit, dass sie Luftstickstoff binden können, Nährstoffe im Boden anreichern und die Bodenfruchtbarkeit verbessern. Das BMEL sagt, dass diese Kulturen einen „besonderen Beitrag für eine umweltgerechte und ressourcenschonende Landbewirtschaftung“ liefern können. Zum Beispiel könnten demnach Stickstoffdüngemittel eingespart werden und die einheimische Produktion mit garantiert gentechnikfreien Pflanzen könnte gesteigert werden. Und wenn Landwirte wieder häufiger Hülsenfrüchte anbauen, könnte das die relativ engen Fruchtfolgen auflockern. Das BMEL hofft, dass dadurch weniger Schädlinge auftreten und Unkrautbekämpfung wirksamer wird. Und obendrauf hätten zum Beispiel auch Bienen mit den blühenden Hülsenfrüchten eine zusätzliche Nahrungsgrundlage.

Soja-Neuland

Grundsätzlich schöne Pläne des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Wenn die Landwirte mitspielen. Denn für die geht es um die Existenz – also muss das, was auf den Feldern angebaut wird, wirtschaftlich sein. Und wer zum Beispiel Soja anbaut steht in Konkurrenz zu denen, die Mais, Raps oder Zuckerrüben anbauen. Soja ist schwerer zu vermarkten, vielen Landwirten fehlt die Erfahrung mit dem Anbau, die Pflanzen wachsen vor allem in nördlicheren Gebieten noch nicht so gut. Die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen führt deswegen seit einigen Jahren Sortenprüfungen mit Soja an verschiedenen Standorten durch, um Empfehlungen abgeben zu können. Inzwischen ist die Sojapflanzenzüchtung demnach so weit, dass einige Sorten auch in nördlicheren Gebieten angebaut werden können. Steht demnächst also auf allen Tofu-Packungen und Sojamilch-Tüten „aus Öko-Anbau in Deutschland“? Und würden dann mehr Menschen Soja-Produkte kaufen?

Erbsen Hülsenfrüchte Phytoöstrogene
Auch Erbsen enthalten Phytoöstrogene

Die Angst vor Phytoöstrogenen

Grundsätzlich enthalten Pflanzen sekundäre Pflanzenstoffe, die zum Beispiel für die Farbe oder das Aroma verantwortlich sind. Andere schützen vor Fraßfeinden. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt, dass eine hohe Zufuhr von diesen sekundären Stoffen über pflanzliche Lebensmittel mit einem verringerten Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten einhergeht. Demnach haben Studien auch ergeben, dass sie das Cholestorel senken können und zum Teil antioxidativ und antibakteriell wirken.

Bei Soja sind aber viele skeptisch, denn Soja ist von Natur aus sehr reich an Isoflavonen. Die gehören zu den Phytoöstrogenen, sekundären Pflanzenstoffen, die nicht mit menschlichen Hormonen zu verwechseln sind, in unserem Körper aber an die Hormonrezeptoren andocken können. Phytoöstrogene kommen allerdings auch in anderen Hülsenfrüchten und Getreide vor. Und in geringerer Konzentration sind sie auch in vielen Gemüse- und Obstsorten und sogar in Bier und Wein enthalten. Phytoöstrogene können offenbar sowohl zellschützend als auch krebsfördernd wirken. Hier ist die Studienlage nicht einheitlich. Ernährungswissenschaftlerin Jalo Jaromin-Bowe sagt: „Soja kann offenbar vor bestimmten Formen von Krebs schützen.“

Drei Gläser Sojamilch

Studien zeigen, dass Asiatinnen mit hohem Sojakonsum weniger Beschwerden in den Wechseljahren und ein um ein Viertel geringeres Brustkrebs-Risiko haben. „Ein zu viel ist für die westliche Ernährung wegen der hormonähnlichen sekundären Stoffe aber nicht empfehlenswert“ gibt Jaromin-Bowe zu bedenken. Phytoöstrogene werden nämlich auch mit Unfruchtbarkeit und Entwicklungsstörungen in Verbindung gebracht (weshalb das Bundesamt für Risikoforschung davon abrät, Säuglingen und Kleinkindern Sojamilch zu geben.) Die US-Lebensmittelbehörde empfiehlt Erwachsenen maximal 25 Gramm Sojaprotein pro Tag. Das wären zum Beispiel drei Gläser Sojamilch. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen allerdings auch, aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr als 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche zu essen. Auch hier ist ein zu viel also nicht gesund.

Ausgewogen ist das Zauberwort

Erwachsenen, die Soja ausgewogen in ihre Ernährung einbauen, können davon durchaus profitieren. Denn es enthält Ballaststoffe, Kalzium, Folsäure und Selen. Dazu kommen wichtige Mineralien wie Zink, Eisen und Magnesium. Außerdem ist Soja eine hochwertige Proteinquelle für Veganer. Allen anderen empfiehlt Ernährungswissenschaftlerin Jola Jaromin-Bowe, die Eiweißquellen zu mischen. „Um den Eiweißbedarf eines Erwachsenen zu decken, empfiehlt es sich, pflanzliche und tierische Eiweißquellen zu kombinieren.“ Grundsätzlich gilt der Verzehr von Sojaprodukten für Erwachsene aber als unbedenklich. Tofu, vegane Aufstriche oder Sojamilch sind also auch nicht für Nicht-Veganer eine gesunde Abwechslungsmöglichkeit im Speiseplan.

Denn sicher ist am Ende vor allem eins: Die Weltbevölkerung wächst weiter, uns steht aber nur eine begrenzte Zahl an nutzbaren Ackerflächen zur Verfügung. Wir müssen uns also Gedanken darüber machen, wie wir diese in Zukunft nutzen, damit alle satt werden. Und wäre es nicht logischer, die riesigen Anbauflächen effizienter zu nutzen, um Menschen direkt zu ernähren, anstatt aus viel Soja verhältnismäßig wenig Fleisch zu machen?