Eins weiß ich nach meinen zwei ersten Wochen für mich ziemlich sicher: Vegan leben ist gerade als „Anfänger“ nicht so einfach. Was zum einen an Unwissenheit und versteckten tierischen Produkten liegt, und zum anderen daran, dass man nicht einfach davon ausgehen kann, überall auf vegane Angebote zu treffen. Im Skiurlaub im Schwarzwald zum Beispiel: Mittags auf der Hütte gab es tatsächlich eine vegane Suppe im Tagesangebot. Große Freude. Abends sah es dann ganz anders aus: Ein veganes Essen im Restaurant: Fehlanzeige. Erste Erkenntnis: Vegan zu leben benötigt auch etwas Planung und Vorbereitung. Mal schnell zwischendurch irgendwo was bestellen kann schwierig werden. Vor allem, wenn man die Großstadt verlässt. Also habe ich an zwei Tagen vegetarische Gerichte eingeschoben. Und den Plan gefasst, mich auf den nächsten Skiurlaub Ende Januar in Österreich besser vorzubereiten. Es hätte sicher einfachere Monate gegeben für den veganen Selbstversuch. Auf der anderen Seite bedeutet Selbstversuch ja auch, zu schauen, wo es im Alltag Probleme und Herausforderungen gibt. Und daraus zu lernen.

Großstadt-Veganer

Wenn ich mal keine Zeit habe, zu kochen und vorzubereiten, ist es in Köln deutlich einfacher, veganes Essen im Restaurant oder Imbiss zu finden. Und zwar auch an Orten, an denen ich überhaupt nicht damit gerechnet hätte. Und mich auch gar nicht erst getraut hätte, danach zu fragen. Samstagsabends im Kebap Laden zum Beispiel. Eigentlich wollte ich meiner Freundin nur tragen helfen – denn da ich mir das mit der besseren Vorbereitung fest vorgenommen habe, hatte ich vor der Party schon zu Hause gegessen. Während ich mit ihr an der Kasse warte, überfällt mich der Verkäufer: Was willst du bestellen? Ich druckse rum, denn ein bisschen Hunger habe ich noch. Mein Blick fällt auf das Angebot: Türkische Pizza vegetarisch.  „Ähm, kann ich die auch ohne Feta und ohne Joghurt-Soße bekommen?“ Er guckt mich kurz irritiert an und ich denke: Na prima, jetzt kommt gleich diese genervte „Och nö, ein Veganer“-Reaktion. Dann hellt sich sein Blick auf: „Ach du willst das vegan! Kein Problem, mache ich dir!“

Wow!

Wer fragt, dem kann (vegan) geholfen werden

Das hätte ich nicht erwartet – ein Kebab-Laden mit veganem Angebot. Großartig. Die dünne Pizza wird frisch mit einer würzigen Tomatensoße für mich gebacken. Dann werden Salat und Zwiebeln eingerollt, ein bisschen Bulgursalat kommt dazu, ein paar Spritzer Zitronensaft und zwei Löffel von der tiefroten, scharfen Soße. Und das Ding ist richtig lecker! So lecker, dass ich mir nachts nach der Party noch einen holen muss. Am nächsten Morgen beim Bäcker habe ich wieder so eine positive Erfahrung: Die Verkäuferin wühlt sich durch die Listen mit den Zutaten. Und auch sie ist nicht im Geringsten genervt, sondern sehr hilfbereit und interessiert. Ergebnis: Laugenbrezel ist raus. Mit Butter im Teig. Das Mohnbrötchen dagegen ist tierfrei!

Grundausstattung Vegan Einkaufen
Meine vegane Grundausstattung für Woche 1

Zweite wichtige Erkenntnis: Nachfragen ist ok. Aber ich hab da tatsächlich noch so ein bisschen Hemmungen. Denn ich habe blöde Reaktionen erwartet. Von „Vegan? Ist doch voll übertrieben!“ über „Du musst mich jetzt aber nicht missionieren!“ bis hin zu: „Ist vegan nicht total ungesund?“ So wie ich es aus den Kommentar-Spalten bei Facebook kenne. Da laufen die Diskussionen über das Thema Vegan ja teilweise extrem aggressiv ab. Und da schenken sich beide Seiten nichts.

Sachlich und konstruktiv

Ich wünsche mir eine sachliche Debatte über das Thema. Gemeinsame Ideen, wie wir wieder von der Massentierhaltung und ihren Folgen weg kommen können.  Zum Glück gibt es in meinem Umfeld doch sehr viele Menschen, die solche konstruktiven Gespräche mit mir führen. Sich für mein Projekt interessieren und offen sind für neue Ernährungsweisen. Die ich zum Teil wirklich überraschen kann mit den Dingen, die ich ihnen über Fleisch- und Milchkonsum erzähle. Und ich kenne mehr Leute, als ich dachte, die sich schon viel besser auskennen mit vegetarischem und veganem Leben und die bald mit mir zusammen kochen wollen.

Dritte wichtige Erkenntnis meiner ersten beiden veganen Wochen: Offen sein. Und konstruktiv. Lasst uns mehr miteinander reden, denn wir können nur gemeinsam etwas verändern. Vielleicht müssen wir erstmal wieder lernen, dass wir Teil eines großen Ganzen sind und Verantwortung für die Zukunft unserer Welt übernehmen müssen. Und in Kauf nehmen, dass das auch mal unbequem sein kann.